Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich manche Charaktere in der Harry Potter Welt ähneln. Und damit meine ich jetzt nicht die Weasley-Zwillinge, sondern auch Charaktere, die in unterschiedliche Zeiten hinein geboren wurden.
Ein gutes Beispiel dafür sind Lily Evans und Hermine Granger, die beide überaus talentiert und fleißig sind (was ihnen die Mitgliedschaft im Slug-Club sichert) und eigentlich nicht viel dafür übrighaben, unnötigerweise Regeln zu brechen. Und beide haben eine ähnliche Vergangenheit: sie stammen aus Muggelfamilien, sie wussten lange nichts von der magischen Welt.
Es ist aber auch bemerkenswert, dass einige Charaktere trotz einer sehr ähnlichen Vergangenheit komplett unterschiedliche Entwicklungen genommen haben. Im folgenden Beispiel war es sogar eine Vergangenheit, von der man meinen sollte, dass es sie als Kinder in ähnlicher Art und Weise beeinflusst haben könnte: sie haben kaum Liebe erfahren.
Dennoch zeigt sich, dass ihre Eigenheiten unterschiedlicher kaum sein könnten:
Tom Riddle:
Tom wächst inmitten einer Gemeinschaft von Muggeln in einem Waisenhaus auf. Für die Erzieher/innen ist die Beschäftigung mit ihnen aber ein Job, mit dem sie ihr Geld verdienen; für aufrichtige mütterliche (bzw. väterliche) Liebe reicht es meist nicht.
Das führt bei Tom zu einer extremen Verbitterung gegenüber so ziemlich allem, womit er es in dieser Zeit zu tun hatte. Er prägt einen Muggelhass und eine Selbstsicherheit aus, die in exzellenten Führungsqualitäten münden. Aus Tom Riddle wird später Lord Voldemort, der dunkelste Zauberer aller Zeiten.
Neville Longbottom:
Nevilles Eltern sind zwar nicht tot, doch als Eltern existieren tun sie auch nicht. In den Wahnsinn Gefolterte eignen sich nun mal schlecht für Erziehungsarbeiten. Also wächst Neville bei seinen Großeltern auf, den Eltern seines Vaters. Diese stellen aber große Erwartungen an ihn, vergleichen ihn mit ihrem eigenen Sohn, dem großartigen Auror Frank Longbottom. Doch Neville kann die Erwartungen von Anfang an nicht erfüllen, und so wird er kaum für voll genommen, kaum akzeptiert, kaum geliebt.
Bei Neville führt das zu einer extremen Unsicherheit und einer extrem niedrigen Selbstachtung – also das genaue Gegenteil von Tom. Neville hat sich aber trotz dieser Behandlung nie von der Familie abgewandt (natürlich auch, weil die ihn später besser behandelten) – Tom jedoch hätte das ihnen nie verziehen.
Harry Potter:
Harry hat in seiner ganz frühen Kindheit natürlich ein überdurchschnittliches Maß an Liebe erfahren, doch für seine charakterliche Entwicklung war das wohl kaum ausschlaggebend; er war einfach zu jung, um sich daran zu erinnern. Bei den Dursleys erfährt er dann mehr als alle anderen das absolute Gegenteil von Liebe – ihm schlägt regelrechter Hass entgegen, und das fast 10 Jahre lang.
Es war da natürlich klar, dass sie auch in Zukunft keine besten Freunde werden würden. Aber die Verachtung gegenüber den Dursleys geht weder so weit, dass er ihnen den Tod gewünscht hätte, noch überträgt sie sich auf andere Muggel. Harry beurteilt die Leute nicht nach Herkunft, sondern nach ihrem Charakter. Dabei tritt er durchaus selbstsicher und teilweise auch frech und gewitzt auf – doch auch er stellt sich ab und zu infrage. Vom Selbstbewusstsein her also ein Mittelding zwischen Tom und Neville.
Ich persönlich finde diesen Vergleich sehr interessant, was sagt er uns jetzt aber?
Mich hat er an die hier immer wieder aufkommende Diskussion erinnert, ob Draco Malfoy nun wirklich so garstig und böse war wie in den ersten Büchern dargestellt, oder ob er nur von Lucius angestiftet wurde, ob er vielleicht sogar missverstanden wurde.
Eine ähnliche Art der Diskussion kommt auch bei Severus Snape immer mal wieder auf. Es besteht sogar die Idee, dass Snape nur wegen der Hänseleien durch die Rumtreiber ein Fanatiker der Dunklen Künste wurde.
Zu diesen Themen kann man natürlich sehr viel spekulieren, weil wir es nicht genau wissen. Wir haben nur Anhaltspunkte. Und als solchen kann man vielleicht auch diesen Vergleich betrachten.
Mir sagt er, dass man die Eigenheiten eines Charakters nicht ausschließlich auf Erfahrungen und Einflüsse anderer schieben sollte. Es spielt natürlich eine Rolle, aber der Umgang damit liegt eindeutig in der Veranlagung des jeweiligen Menschen. Snape hätte nicht dunkle Künste studieren müssen, er hätte die Hänseleien auch ignorieren können. Draco hätte nicht den Erwartungen seines Vaters entsprechen müssen, schon gar nicht, wenn er ihn monatelang nicht sieht.
Aber dass sie diese Dinge trotzdem taten, zeigt mir, dass sie es in gewisser Weise auch so WOLLTEN. Weil der Mensch nicht nur der ist, zu dem er gemacht wird, sondern auch der ist, der er ist. Das schließe ich aus diesem Vergleich.
Was meint ihr denn dazu? Kann man eurer Meinung nach einfach einen Vergleich von Charakteren nutzen, um Aussagen über andere Charaktere zu treffen?
Und an die Malfoy-Liebhaber: Habt ihr vielleicht einen Vergleich, der sein Verhalten doch irgendwie plausibel macht und entschuldigt?
Freue mich wie immer über Meinungen. :)